GoMaschine · Menü
LieferkettenResilienz

Dual Sourcing: Strategie, Vor- und Nachteile im Einkauf

Dual Sourcing erklärt: Definition, Vor- und Nachteile, wann sich eine zweite Quelle lohnt und wie es sich von Single, Multiple und Modular Sourcing abgrenzt.

GoMaschine Team8 Min. Lesezeit
In diesem Artikel10
  1. Was ist Dual Sourcing?
  2. Was sind die Vor- und Nachteile von Single Sourcing?
  3. Was ist Modular Sourcing?
  4. Welche Beschaffungsstrategien gibt es?
  5. Was bedeutet "domestic sourcing"?
  6. Welche Sourcing-Arten gibt es?
  7. Was bedeutet Multiple Sourcing?
  8. Welche Beispiele gibt es für Beschaffungsstrategien?
  9. Häufig gestellte Fragen
  10. Quellen
Fertigungshalle mit Bearbeitungszentren und Roboterzellen, ein Mitarbeiter prüft die Bearbeitung an einer Maschine.
Fertigungshalle mit Bearbeitungszentren und Roboterzellen, ein Mitarbeiter prüft die Bearbeitung an einer Maschine.

Was ist Dual Sourcing?

Dual Sourcing ist eine Beschaffungsstrategie, bei der ein Unternehmen dasselbe Bauteil oder dieselbe Warengruppe bei zwei qualifizierten Lieferanten bezieht. Häufig trägt ein Hauptlieferant den größeren Teil des Volumens, während der Zweitlieferant freigegeben ist und kleinere Mengen liefert, damit er im Ernstfall übernehmen kann. Damit liegt Dual Sourcing zwischen Single Sourcing mit einer Quelle und Multiple Sourcing mit drei und mehr Quellen. Die Ökonomen Thomas Gehrig und Rune Stenbacka beschreiben Dual Sourcing im Atlantic Economic Journal (2023) als Versicherung gegen künftigen Opportunismus: Investitionen in eine zweite Quelle begrenzen den Missbrauch von Marktmacht durch den aktiven Lieferanten, auch wenn die zweite Quelle am Ende gar nicht genutzt wird.[1]

Drei Spalten: Single Sourcing mit einem Lieferanten für gemeinsam entwickelte Baugruppen, hervorgehoben Dual Sourcing mit zwei qualifizierten Lieferanten für kritische Teile mit langer Qualifizierung, Multiple Sourcing mit drei und mehr Lieferanten für standardisierte C-Teile, jeweils mit Vor- und Nachteil.
Dual Sourcing verbindet einen Teil der Bündelungsvorteile mit einer qualifizierten Ausweichquelle; welche Strategie passt, entscheidet sich je Warengruppe.

Vorteile von Dual Sourcing

  • Ausfallsicherheit: Fällt ein Lieferant etwa durch Insolvenz, Exportbeschränkungen oder Qualitätsprobleme aus, kann der zweite die Versorgung zumindest teilweise übernehmen.
  • Verhandlungsposition: Eine qualifizierte Alternative begrenzt Preisdiktat und Opportunismus des Hauptlieferanten.
  • Vergleichbarkeit: Zwei laufende Lieferbeziehungen machen Preis, Qualität und Liefertreue direkt vergleichbar.
  • Steuerbarer Aufwand: Zwei Lieferanten lassen sich deutlich leichter führen als ein breites Multiple-Sourcing-Portfolio.

Nachteile von Dual Sourcing

  • Geringere Bündelung: Das Volumen verteilt sich auf zwei Anbieter, Mengenrabatte fallen kleiner aus.
  • Doppelter Qualifizierungsaufwand: Erstbemusterung, Audits, Werkzeuge und Prüfmittel fallen für beide Lieferanten an.
  • Abstimmung bei Zeichnungsteilen: Jede Änderung muss bei beiden Quellen nachgezogen werden, damit Toleranzen und Prozesse nicht auseinanderlaufen.
  • Scheinsicherheit: Beziehen beide Lieferanten kritische Vorprodukte aus derselben Quelle oder Region, schützt die zweite Quelle kaum.

Wann lohnt sich Dual Sourcing?

Dual Sourcing lohnt sich, wenn der Ausfall eines Bauteils die eigene Produktion stoppt und die Qualifizierung eines neuen Lieferanten lange dauern würde, etwa bei Elektronikbauteilen, Gussteilen oder Beschichtungen. Für standardisierte C-Teile mit vielen Anbietern reicht meist Multiple Sourcing, für Baugruppen, die eng mit einem Partner entwickelt wurden, bleibt oft nur Single Sourcing. Die Entscheidung fällt deshalb je Warengruppe und nicht pauschal für den gesamten Einkauf.

Entscheidungsweg: Standardteile mit vielen Anbietern führen zu Multiple Sourcing; stoppt bei anderen Teilen ein Ausfall die Produktion und braucht eine neue Quelle lange, führt der Weg zu Dual Sourcing, sonst ist Single Sourcing möglich.
Ob sich eine zweite Quelle lohnt, hängt davon ab, wie austauschbar ein Teil ist und wie hart ein Lieferausfall die Produktion trifft.

Was sind die Vor- und Nachteile von Single Sourcing?

Beim Single Sourcing konzentriert ein Unternehmen die Beschaffung einer Warengruppe bewusst auf einen einzigen Lieferanten. Diese Fokussierung ist selten Bequemlichkeit, sondern häufig das Ergebnis einer technischen oder wirtschaftlichen Logik: Werkzeugspezifische Prozesse, freigegebene Zeichnungsteile oder enge Entwicklungspartnerschaften lassen sich nur mit hohem Aufwand auf einen zweiten Anbieter übertragen. Wer eine Baugruppe gemeinsam mit einem Lieferanten konstruiert hat, kauft dessen Fertigungskompetenz mit ein, und diese lässt sich nicht per Rahmenvertrag duplizieren. Wer Lieferantenbeziehungen zusätzlich unter regulatorischen Pflichten wie dem Lieferkettengesetz bewertet, sollte die Pflichtenlage früh in die Sourcing-Entscheidung einbeziehen.

Vorteile: Bündelung schafft Hebel

  • Mengenbündelung: Höhere Abnahmemengen bei einem Anbieter verbessern typischerweise die Konditionen und senken die Stückkosten.
  • Weniger Aufwand im Lieferantenmanagement: Eine Qualifizierung, ein Audit, ein Rahmenvertrag statt mehrerer paralleler Beziehungen.
  • Tiefere Partnerschaft: Der Lieferant kennt das Bauteil, die Toleranzen und die Prozesskette; Änderungen lassen sich gemeinsam schneller umsetzen.
  • Klare Verantwortung: Bei Qualitätsproblemen gibt es genau einen Ansprechpartner ohne Kompetenzstreit zwischen parallelen Quellen.

Nachteile: Abhängigkeit von einem Lieferanten

  • Ausfallrisiko: Fällt der einzige Lieferant aus, steht die betroffene Fertigung, bis eine neue Quelle qualifiziert ist.
  • Preismacht: Ohne Alternative fehlt dem Einkauf in Verhandlungen das Druckmittel.
  • Wechselkosten: Werkzeuge, Freigaben und Prozesswissen liegen beim Lieferanten, ein Wechsel ist teuer und langsam.

Was ist Modular Sourcing?

Beim Modular Sourcing bezieht ein Unternehmen nicht mehr einzelne Teile, sondern komplette Baugruppen oder Module von einem Systemlieferanten: etwa eine fertige Hydraulikeinheit, ein Getriebemodul oder eine bestückte Sensorplatine. Der Einkauf verschiebt sich damit von der Teile- auf die Modulebene, was die Zahl der Beschaffungsobjekte und der Schnittstellen im eigenen Haus senkt. Der Preis dieser Bündelung ist eine deutlich höhere Abhängigkeit vom Systemlieferanten, der das Know-how für die gesamte Funktion hält; ein Lieferantenwechsel ist technisch aufwendiger als bei normierten Einzelteilen. Auch die Abgrenzung zum Outsourcing ist fließend: Beim Outsourcing werden ganze Prozesse oder Dienstleistungen an externe Anbieter ausgelagert, während Modular Sourcing die Beschaffungstiefe der Baugruppe verändert.

Welche Beschaffungsstrategien gibt es?

Beschaffungsstrategien lassen sich entlang zweier Dimensionen ordnen: der Anzahl der Bezugsquellen (eine, zwei oder viele) und der geografischen Reichweite (inländisch, europäisch oder global). Hinzu kommen Formen wie Modular Sourcing, das die Beschaffungsebene verändert, und Outsourcing, das ganze Prozessschritte auslagert. Für die Wahl entscheidend sind weniger Begriffe als Einsatzbedingungen: Wie kritisch ist das Bauteil für die eigene Produktion, wie austauschbar ist der Lieferant technisch, und welche regulatorischen Änderungen, etwa bei Chrom(VI)-Beschichtungen, erzwingen einen Wechsel etablierter Prozesse? Wer diese Fragen je Warengruppe beantwortet, landet meist bei einer Mischung aus mehreren Strategien statt bei einer einzigen.

Was bedeutet "domestic sourcing"?

Domestic Sourcing bezeichnet die Beschaffung von Waren und Vorleistungen bei Lieferanten im eigenen Land, im deutschen Kontext also innerhalb Deutschlands. Typische Motive sind kurze Transportwege, geringere Logistikkosten, gemeinsame Sprache und Rechtsraum sowie einfachere Audits und kürzere Reaktionszeiten bei Qualitätsproblemen. Diese Vorteile sind jedoch nicht garantiert, sondern an Bedingungen geknüpft: Rechtssicherheit hilft nur bei Verträgen nach deutschem Recht weiter, und kurze Wege nützen wenig, wenn der inländische Lieferant selbst auf importierte Vorleistungen angewiesen ist. In der deutschen Elektronikindustrie lag der Anteil ausländischer Wertschöpfung laut einem IW-Report von Galina Kolev und Thomas Obst (2020) bei 45,2 Prozent, Datenbasis 2015,[2] sodass auch inländische Bezugsquellen selten vollständig unabhängig sind. Global Sourcing erschließt dagegen weltweite Märkte und kann günstigere Preise oder verfügbare Kapazitäten bieten, erhöht aber Transportzeiten, Währungsrisiken und geopolitische Abhängigkeiten. Viele Unternehmen kombinieren beide Ansätze deshalb bewusst, etwa mit einer inländischen Hauptquelle und einer zweiten Quelle im nahen europäischen Ausland.

Welche Sourcing-Arten gibt es?

Neben der Zahl der Bezugsquellen und der Reichweite unterscheiden Einkäufer Sourcing-Arten vor allem nach der Beschaffungsebene und dem Anwendungsfall. Wichtige Formen im Überblick: Single Sourcing (eine Quelle je Warengruppe), Dual Sourcing (zwei qualifizierte Quellen), Multiple Sourcing (drei und mehr Quellen), Modular Sourcing (komplette Baugruppen statt Einzelteile), Domestic Sourcing (inländische Lieferanten), Nearshoring (Lieferanten im benachbarten Ausland) und Global Sourcing (weltweite Beschaffung). Ergänzend gibt es Begriffe wie Local Sourcing für die regionale Beschaffung am Standort und Insourcing als Gegenbewegung, bei der zuvor ausgelagerte Leistungen wieder intern erbracht werden. Für die Praxis zählt weniger die Begriffsvielfalt als die Zuordnung je Warengruppe.

Was bedeutet Multiple Sourcing?

Multiple Sourcing verteilt die Beschaffung einer Warengruppe auf drei oder mehr Lieferanten. Der Ansatz eignet sich vor allem für standardisierte C-Teile wie Schrauben, Dichtungen oder Normteile, bei denen viele Anbieter vergleichbare Qualität liefern und der Preiswettbewerb im Vordergrund steht. Die Sicherheit steigt dabei nicht automatisch mit der Zahl der Quellen: Jeder zusätzliche Lieferant bedeutet ein weiteres Audit, einen weiteren Rahmenvertrag und weitere Qualitätsprüfungen, und bei geringen Abnahmemengen je Quelle sinken die Bündelungsvorteile. Für komplexe, kundenspezifische Bauteile ist der technische Abstimmungs- und Verwaltungsaufwand bei vielen Partnern meist zu hoch; hier liegt der Kompromiss zwischen Skaleneffekten und Redundanz beim Dual Sourcing. Wie beim Dual Sourcing wirkt jede zusätzliche Quelle zugleich als Absicherung gegen die Marktmacht einzelner Anbieter.

Welche Beispiele gibt es für Beschaffungsstrategien?

Konkrete Fälle zeigen, wie Unternehmen Sourcing-Strategien kombinieren. Der Rüstungselektronik-Hersteller Hensoldt kündigte im Dezember 2024 mit seiner Strategie "North Star" an, Produktionskapazitäten auszubauen und Lieferketten zu optimieren; nach Unternehmensangaben sollte der Umsatz bis 2030 auf rund 5 Milliarden Euro steigen.[3] Im Mai 2025 hob Hensoldt dieses Ziel mit Verweis auf steigende europäische Verteidigungsausgaben auf 6 Milliarden Euro an.[4] Ein anderes Beispiel sind regulatorische Umbrüche: Chrom(VI)-Verbindungen, auf denen klassische Verchromungsprozesse beruhen, unterliegen unter REACH der Zulassungspflicht, und die ECHA berät über eine EU-weite Beschränkung von 13 Chrom(VI)-Verbindungen, deren öffentliche Konsultation am 17. August 2026 endete.[5] Wer einen Beschichtungsprozess deshalb an einen einzigen neuen Beschichter vergibt, tauscht ein Single-Source-Risiko gegen das nächste. Gehrig und Stenbacka (2023) übertragen dieselbe Logik auf den europäischen Gasmarkt: LNG-Terminals können die Marktmacht des Pipeline-Lieferanten begrenzen, auch wenn Pipelinegas im Normalbetrieb effizienter ist.[1] Für den Einkauf, etwa von Elektronikbauteilen, folgt daraus: Redundanz ist kein reiner Kostenposten, sondern eine Versicherung gegen Ausfälle und Preisdiktat.

Häufig gestellte Fragen

Wann ist Dual Sourcing besser als Single Sourcing?

Dual Sourcing ist überlegen, wenn das Ausfallrisiko eines einzigen Lieferanten existenzbedrohend für die eigene Produktion ist, etwa bei kritischen Elektronikbauteilen. Die Redundanz sichert die industriellen Lieferketten ab, auch wenn dadurch maximale Mengenrabatte sinken und der Prüfaufwand steigt.

Welche Risiken birgt Modular Sourcing?

Beim Modular Sourcing bezieht das Unternehmen komplette Baugruppen statt Einzelteile. Dadurch steigt die Abhängigkeit vom Systemlieferanten deutlich, da dieser das Know-how für die gesamte Funktionalität bündelt. Ein Wechsel des Lieferanten ist technisch deutlich komplexer als bei normierten Einzelteilen.

Was ist der Unterschied zwischen Domestic Sourcing und Global Sourcing?

Domestic Sourcing kauft im Inland ein und verkürzt Wege und Reaktionszeiten, Global Sourcing kauft weltweit und gewinnt Preis- oder Kapazitätsvorteile auf Kosten längerer Transporte und geopolitischer Risiken. Viele Betriebe kombinieren beides.

Eignet sich Multiple Sourcing für alle Warengruppen?

Nein. Es lohnt sich vor allem bei Normteilen mit vielen gleichwertigen Anbietern; bei Zeichnungsteilen wird der Aufwand mit jedem weiteren Lieferanten schnell größer als der Nutzen.

Wie stark ist die Elektronikindustrie auf ausländische Vorleistungen angewiesen?

Stark: In der deutschen Elektronikindustrie lag der Anteil ausländischer Wertschöpfung 2015 bei 45,2 Prozent. Eine zweite Quelle im Inland schützt deshalb nur, wenn sie nicht von denselben importierten Vorprodukten abhängt.

Für die Umsetzung im eigenen Betrieb lohnt auch der Blick auf die Investitionsseite: Wer Lieferanten konsolidiert oder Maschinen für die Eigenfertigung von C-Teilen beschafft, findet bei der CNC-Fräsmaschine für Metall eine Einordnung der relevanten Kaufkriterien für KMU. Weitere Einordnungen im Ressort Industrie auf GoMaschine ergänzen das Bild um Qualitätskontrolle und Automatisierung.

Quellen

  1. link.springer.com
  2. IW-Report 16/2020: Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von internationalen Lieferketten
  3. HENSOLDT: Capital Markets Day (12.12.2024)
  4. Hensoldt ups 2030 revenue outlook by €1b (07.05.2025)
  5. Public consultation opens on proposed EU restriction of hexavalent chromium